Schwachheit, die Kraft der Sohnschaft

Von James Jordan

Seitdem ich Christ wurde, hat man mir immer wieder gesagt, dass ich wachsen und reif im Glauben werden müsse. Aufgrund dieser Lehre versuchen wir stark, gebildet, kompetent und zuversichtlich in unserem Glauben zu werden – während Gott uns jedoch lehren möchte wie kleine Kinder zu leben. In der Welt muss man tatsächlich gebildet sein, um zu überleben und erfolgreich zu sein, aber Gottes Reich gehört den kleinen Kindern. Jahrelang hatte ich mich abgemüht, bis ich endlich erkannte um was es wirklich geht.

Die dominierende Botschaft, die mir am Anfang meines Glaubenslebens vermittelt wurde, war: “Nun da du Christ geworden bist, musst du reif im Glauben werden. Du musst wachsen. Du musst dir den Sieg erkämpfen, Bruder! Was auch immer auf dich zukommt, du musst den Durchbruch haben. Du musst Gott suchen und Ihn inmitten deiner Situation finden, damit du ein Überwinder wirst!“ etc. etc.  

Es gab da diesen Spruch: “Wenn du Christ wirst, musst du dich auch so wie einer verhalten!” Ich verstehe jedoch mittlerweile, dass selbst wenn wir es schaffen uns äußerlich wie Christen zu verhalten, es sich dabei lediglich um ein Schauspiel handelt. Die meisten unserer positiven Bekenntnisse sind nichts anderes als unser Versuch uns selbst zu überzeugen und haben nur wenig mit wahrem Glauben zu tun; nach dem Motto: „Tue einfach so, bis es eintrifft!“

Wenn wir stattdessen ehrlich über unseren Zustand sein könnten, anstatt die wirklichen Umstände zu verleugnen, kämmen wir geistlich eher voran. So viele Dinge, die uns gelehrt wurden befähigen uns allerdings nur die Realität zu leugnen, und Verleugnung ist kein Sieg.

Kindlichkeit

Mir ist aufgefallen, dass wirklich geistliche Menschen einen bestimmten Charakterzug vorweisen. Die wunderbarsten und Christus-ähnlichsten Menschen sind auch die kindlichsten.

Uns wurde jedoch so oft erzählt wir müssten erwachsen werden. Immer wieder haben wir gehört, dass wir kompetent und reif im Glauben werden müssten, voller Glaube und Kraft. Uns wurde gelehrt, dass wir alle Lektionen lernen und Erkenntnis ansammeln müssen, so dass wir die Antworten auf die Frage der Menschen haben. Immer wieder haben Prediger zu mir gesagt: „Wenn die Gemeinde ihre Arbeit tun würde, dann würden wir dieses oder jenes tun, denn es ist unsere Verantwortung die Welt in Ordnung zu bringen.“ Wo fand uns Gott jedoch? Er fand uns in der Gosse, unter Hecken, und im Straßengraben – für einige von uns trifft das sogar wortwörtlich zu. Unser Leben war kaputt und ein einziges Durcheinander. Wir stammten nicht aus dem Adel dieser Welt, noch hatten wir alles im Griff. Stattdessen hatten wir alle Hoffnung verloren, kriegten nichts auf die Reihe. Er fand mich irgendwo in der Wildnis unter einem Baum. Ich habe keine Ahnung warum Er mich ausgesucht hat. Ich stand am Rande der Gesellschaft. Warum also würde Er sich überhaupt die Mühe machen mich zu finden?

Dem Westminster Bekenntnis zufolge ist es die Bestimmung des Menschen Gott anzubeten und Ihn für immer zu genießen. Das ist alles, mehr benötigen wir nicht. Das betrifft den geistlichen Dienst als auch unser alltägliches Leben. Das christliche Leben ist kein Pfad der Kompetenz, sondern der Pfad der Kindlichkeit.  Je kindlicher wir werden, um so mehr werden wir Gott erleben, und je mehr wir Ihn erleben, um so kindlicher werden wir werden. Oder glauben wir etwa es gäbe eine Alternative zum Weg Jesu? “Es seid denn ihr werdet wie die Kinder, sonst könnt Ihr nicht in das Reich Gottes eintreten.”

Mir ist aufgefallen, dass wirklich geistliche Menschen einen bestimmten Charakterzug vorweisen. Die wunderbarsten und Christus-ähnlichsten Menschen sind auch die kindlichsten.

Kinder wissen wie man das Leben geniest. Wer hat mehr Spaß am Leben? Ein Anwalt oder ein Kind? Wer kann am ehesten, ohne Zurückhaltung, lauthals loslachen? Ein Architekt, ein Polizist, oder ein kleines Mädchen?  Es sind immer die Kinder. Warum? Weil sie sich noch nicht in dem leistungsorientierten Netz unserer Gesellschaft verfangen haben. Deshalb können sie auch nicht aufhören über etwas zu lachen, dass uns nicht einmal mehr ein Lächeln abgewinnt.  Kinder haben die unglaubliche Begabung ganz einfach im Hier und Jetzt zu leben. In vielen Fällen hat das Christentum das Ganze leider nur noch verschlimmert, so dass wir in der ständigen Angst leben etwas Falsches zu tun und nicht richtig zu leben.  Kein Wunder, dass Nicht-Christen dann unser Leben ansehen und sich denken: “So möchte ich auf keinen Fall werden!“

Jesus ist kindlich

Jesus selbst war sehr kindlich. Wir lesen in Matthäus 11, 25: “In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise, dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du diese Dinge vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.”

Es benötigte viele Jahre bis mir klar wurde, dass Jesus hier tatsächlich über sich selbst spricht. Was sind „diese Dinge“? Es sind all die Dinge, über die Jesus in den vorangegangenen Kapiteln lehrte. Wenn diese nicht den Weisen und Klugen offenbart wurden, wem wurden sie dann offenbart? Sie wurden Jesus offenbart! Er war der Einzige, der über diese Dinge lehrte. Der Vater zeigte Ihm diese Dinge, weil Er das Herz eines kleinen Kindes hatte. Darum konnte Er auch sagen: „Die Worte, die Ich zu euch sage, habe Ich nicht aus Mir selbt“ (Johannes 14, 10, Einheitsübersetzung). Mit anderen Worten: „Ich weiß nicht wie das theologisch alles zusammenkommt und Ich habe keine eigene Meinung bezüglich religiöser Lehrfragen.“

Er sagt auch: „Der Sohn kann nichts von sich aus tun“ (John 5, 19; Einheitsübersetzung). Er sagte nicht: „Der Sohn wird nichts von sich aus tun.“ Leider ist das genau die Art wie viele von uns diese Aussage in der Vergangenheit gelesen haben. Er sagte jedoch: “Der Sohn kann nichts VON SICH AUS tun.” Mit anderen Worten: “Da ist nichts in Mir selbst, dass diese Dinge, die Ich tue und lehre, vollbringe könnte. Die Wunder, die geschehen, geschehen durch Mich, nicht aus Mir. Die Worte, die Ich spreche sind nicht Meine Worte. Es ist der Vater, der in Mir lebt, der all dies tut.“

Auch sagte Er nicht: “Der Sohn möchte nichts von sich aus tun.” Er sagte ganz klar: “Der Sohn kann nichts von sich aus tun.”  Was für eine unglaubliche Aussage! Ich sage dies mit größter Ehrfurcht, aber Jesus was unglaublich inkompetent. Er war nicht erwachsen und ‘reif im Glauben’! Er war kindlich.  Allzu oft streben wir es jedoch an weise und gelehrt zu werden.  Jack Winter erwähnte oft wie schwierig es doch für Pastoren und Leiter ist diese Offenbarung zu empfangen. Da ich selbst einmal Pastor war, weiß ich über den Druck Bescheid, dem Pastoren und Leiter ausgesetzt sind. Deshalb sehen sehr viele Pastoren diese Botschaft als wichtig für ihre Gemeinden an, allerdings als ziemlich wertlos für die Leiterschaft. Gemeindeleiter müssen ihre Herze jedoch ebenfalls wie kleine Kinder öffnen, damit sie empfangen können, was Gott für sie hat.

Weisheit hat damit zu tun in einer bestimmten Situation richtig zu handeln, während Klugheit damit zu tun hat richtige Entscheidungen für unsere Zukunft zu treffen. Allzu oft können Pastoren darauf fixiert sein die Dinge richtig anzupacken – “Was sind die richtigen Worte? Wie gehen wir mit der Situation um? Wie tun wir das Richtige? Über was sprechen wir im Leiterschaftstreffen? Wir bereiten wir uns auf die nächsten fünf Jahre vor?” Langsam geht es dann immer mehr darum, richtig zu leben und “das Richtige zu tun.” Deshalb war Jack davon überzeugt, dass Pastoren und geistliche Leiter oft die heutigen “Weisen und Gelehrten” sind, die ihr kindliches Herz verschlossen haben.

Ich will damit nicht sagen, dass wir nicht in diese Dinge involviert sein sollten. Allerdings sollten wir nicht annehmen, es handle sich dabei um geistliche Reife. Ansonsten wird es unser Lebensziel werden weise und gelehrt zu werden, was uns dann wiederum daran hindert Offenbarung zu empfangen. Offenbarung kommt allerdings nur zu einem kindlichen Herzen. Ich glaube, dass dies auch der Hauptgrund dafür ist, dass der Leib Christi im letzten Jahrhundert so wenig Fortschritte bezüglich wahrer Offenbarung und Intimität mit Gott gemacht hat. Wir waren so fixiert darauf weise und gelehrt zu werden, wenn der Herr uns doch tatsächlich dahin führen möchte wie kleine Kinder zu werden.

Unsere Schwäche ist unsere Stärke

Der Apostel Paulus wusste was es bedeutet mit dem Paradox der Schwachheit zu leben. Er schreibt darüber in seinem zweiten Brief an die Korinther.  Wir können nicht ganz genau sagen, was der Dorn in seinem Fleisch war, aber wir wissen mit Sicherheit, dass Paulus ein Problem hatte. Auch war es kein einfaches Problem.   Was immer es jedoch auch war, er bat Gott drei Mal darum, dass er davon befreit werden würde. Offensichtlich handelte es sich um etwas, dass sein Leben erheblich erschwerte.   Als er den Herrn jedoch darum bat davon befreit zu werden, wurde ihm seine Bitte verneint. Stattdessen sagte Gott zu ihm: “Lasse es dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft wirkt in deiner Schwachheit.”

Meine Kraft wirkt in deiner Schwachheit.  Wenn wir wollen, dass die Kraft Gottes auf uns ruht, aber wir stark in uns selbst sind, disqualifizieren wir uns tatsächlich in der Kraft Gottes zu wirken, denn die Kraft Gottes kommt nur über schwache Menschen. Paulus Stärke lag nicht darin, dass er selbst stark und kompetent geworden war, und die Antworten auf alle Fragen wusste. Ganz im Gegenteil, die Gnade Gottes wirkte in ihm aufgrund seiner Schwachheit. Deshalb sagte der Herr zu ihm. “Meine Gnade ist genug für dich, den Meine Kraft wirkt in deiner Schwachheit.”

Was also ist der Schlüssel, um diese Offenbarung der Liebe des Vaters zu empfangen? Wir müssen einfach nur wie ein kleines Kind werden.

Ich weiß aus Erfahrung, dass wenn wir glauben, dass Gott durch uns wirkt, weil wir so viel beten, oder dieses oder jenes getan haben, dann wird sich unser Herz diese Dinge selbst zuschreiben. Selbst wenn wir proklamieren: „Ich gebe Gott die Ehre.“ Die Worte selbst sind bedeutungslos, denn Gott sieht unser Herz. Wenn wir in unserem Herzen die Ehre beanspruchen, wird das den Fluss der Kraft Gottes blockieren. Denn Gott teilt Seine Herrlichkeit nicht auf diese Weise, mit niemandem.  Es benötigt mehr Glauben zu wissen, dass es nichts gibt, dass uns für Gottes Wirken qualifiziert, und darauf zu vertrauen, dass Er durch uns wirkt.  .

Das Geheimnis der Sohnschaft

Paulus war sich sehr wohl seines Zustandes bewusst und versteckte ihn auch nicht vor der Gemeinde in Korinth: “Zudem kam ich zu euch in Schwäche und in Frucht, zitternd und bebend“ (1. Korinther 2, 3; Einheitsübersetzung).  Er wusste nicht, was zu tun war. Paulus lernte dasselbe Geheimnis das auch Jesus kannte: Sei ein kleines Kind. Wenn wir glauben, wir wüssten immer was zu tun ist, disqualifizieren wir uns selbst. Gott begegnet uns in unserer Schwachheit. Wir müssen nicht alles im Griff haben, um als Gottes Söhne und Töchter zu leben.

Was also ist der Schlüssel, um die Offenbarung der Liebe des Vaters zu empfangen? Wir müssen einfach nur wie ein kleines Kind werden. Je mehr wir versuchen klug und gebildet zu erscheinen, alles zu wissen, in Anspruch nehmen die Bibel auswendig zu kennen, alle Predigen anhören, und alle Bücher zu lesen; je mehr wir versuchen der reife, erwachsene, starke Mann oder die Frau Gottes zu sein, desto weniger werden wir in der Lage sein Gott als unseren liebenden Vater kennenzulernen.

Je schwächer wir sind, desto mehr kann Er durch uns wirken. Das größte Hindernis ist unsere eigene Stärke, unsere eigene Kompetenz, unsere Titel und Errungenschaften.  “Voller Glauben und Kraft“ zu sein und es „alles im Griff“ zu haben ist unsere größte Blockade. Wenn wir stark in uns selbst sind, wird Er uns die Frucht unserer Stärke haben lassen. Aber wenn wir schwach sind, werden wir die Frucht Seiner Stärke empfange, die unendlich viel besser ist.

(Anmerkung: James Jordan ist der Gründer von Fatherheart Ministries International.  James erstes Buch ‚Sohnschaft – Eine Reise in das Herz des Vaters‘ kann durch uns bezogen werden.)

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